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für die Presse

Pressematerial

von der Presse

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Drei Gesichter zeitgenössischen Tanzes
WDR 3 Mosaik - "Cinderella" zur Musik von Prokofjew im Theater Hagen
VERITABLER TANZ-ENTERTAINER
Am Theater Hagen reist Cinderella funkelnd zum großen Ball
Ballett Hagen zeigt furiose Tanzkunst
HERZENSANGELEGENHEIT
Cinderellas Stiefmutter ist ein Hüne
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ERINNERUNGSSTÜCK - Kalender der Ballettfreunde Hagen - tanznetz.de
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Tanz in drei Sätzen - Gar nicht Proviziell
Tanzfestival 2015
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Tanz in 3 Sätzen
Kühner Spagat
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Der Schrank der Georgi - ein Tanz im multimedialen Raum
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Tanz-Trilogie: ruhrnachrichten.de 25.03.2013
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Hagener Ballett bei Weihnachtsaktionen im Stress 28.11.2012
Der Nussknacker, RuhrNachrichten 21.10.2012
Der Nussknacker: WAZ 21.10.2012
Dornröschen: ruhrnachrichten.de 28.05.2012
Dornröschen
tanznetz.de 04.03.2012: Großartige Tanzminiaturen
Ein Festspiel aus Klang und Anmut: derwesten.de 26.02.2012
DanceEurope
WDR 5 Scala, 24.10.2011, „shortcuts“
WDR 3 Mosaik, 24.10.2011, „Shortcuts“
Betörende Bilder eines grandiosen Kollektivs: WP 23.10.2011
Leserbrief - WP 23.10.2011 - Aids Gala
Online Musik Magazin zum Ballettabend
WP/WR 11.10.2011, Tänzerische Gala auf Zehenspitzen
Aidsgala tanznetz.de 01.10.2011

WDR 3 Mosaik, 24.10.2011, „Shortcuts“

Ein Beitrag von Nicole Strecker

Das Ballett Hagen zeigt „Shortcuts“ von den Choreografen Nils Christe und
Ricardo Fernando.
Seit 100 Jahren gibt es nun schon das Theater Hagen — und wo andere, auch größere Städte längst ihre „dritte Sparte“ abgeschafft haben, widerstehen die Bürger der Ruhrge­bietsstadt allen Einspar-Anträgen und halten hartnäckig an ihrer Tanztradition fest. Seit sieben Jahren leitet der Brasilianer Ricardo Fernando das l5köpfige Ballettensemble und kreiert einen Großteil der Choreografien. Für den neuen Abend „Shortcuts“ jedoch hat Fernando einen Kollegen engagiert: Den Holländer Nils Christe

, langjähriger Tänzer beim berühmten Nederlands Danse Theatre und Choreograf für renommierte Kompanien wie das Ballett der Pariser Oper und die staatlichen Ballettkompanien von Dänemark, Schwe­den oder Finnland. In Hagen wollen er und Ricardo Fernando nun gemeinsam ein tänzeri­sches Totengedenken präsentieren: Beide Choreografen haben jeweils zu einer Kompo-sition von Henryk Gorecki gearbeitet, dazu noch ein drittes Stück zum überraschenden Musikmix aus Philip Glass, Mozart, Bach und Maurice Ravel. Herausgekommen sind „Short Cuts“ - kurze Episoden aus der Tanzwelt.

Stadttheaterchoreografen gelten gemeinhin als bedrohte Art, und so muss in Nordrhein­westfalen jeder eifrig danach streben, ganz anders zu sein, seiner Stadt eine ganz eigene Prägung zu geben. So sucht man beispielsweise in Dortmund das Revival des Handlungs­balletts, pflegt in Münster die Melancholie, in Gelsenkirchen bis vor kurzem den Sexappe­al. Und in Düsseldorf-Duisburg reift die ästhetische Avantgarde von Weltformat. Nach Ha­gen reist man, wenn man tänzerischen Enthusiasmus und Ehrgeiz erleben will — ein biss­chen naiv, aber von schwer zu widerstehendem Charme. So nun auch im neuesten Abend: Da lädt Ballettchef Ricardo Fernando einen Renommier-Choreografen nach Hagen ein, um eines von dessen durchaus zeitkritisch, ja manchmal auch politisch grundierten Stücken einzustudieren. Und dann ‘ergänzt‘ er quasi dessen etabliertes Werk mit einer ei­genen Choreografie. Der Gast ist Nils Christe und seinem 2006 entstandenen „Kleinen Requiem“ zur Komposition von Henryk Gorecki hat Ricardo Fernando nun ein „Präludium zu einem Requiem“, ebenfalls zur Musik von Gorecki vorangestellt.

Nachtblaues Licht glimmt auf und verlöscht sofort wieder, in den kurzen Spots werden hochemotionale Szenen erkennbar: Ein Mann, der sich an eine geschlossene Tür presst, als versuche er sie gewaltsam zu öffnen. Eine Wand, die drei Tänzer erklimmen als woll­ten sie sich aus Enge und Isolation befreien. Und eine Menschengruppe, aus der plötzlich die Bewegung wie eine panikartige Erregung ausbricht. Vielleicht der Anfang einer Rebel-lion, die aber sofort wieder in Fatalismus erschlafft.

Der einzelne Mensch als mitratterndes Rädchen im großen Gesellschaftsgetriebe, als zer­brechliche Kreatur, die in ihren Gefühlskreisläufen haltlos trudelt — zerrissen zwischen Hoffen und Zagen. Ricardo Fernando gelingt eine schön-traurige Atmosphäre, aber weil seine Choreografie recht unbekümmert an der Oberfläche der redundanten Muster von Goreckis Komposition treibt, bleibt seine Tanzdepression doch eher pittoresk als pessimis­tisch — eben nur das im Titel angekündigte Vorspiel zum dann folgenden echten Requiem von Nils Christe, dem zweiten Stück des Abends.

Ein weißer, rollbarer Steg wird hier von den Tänzern im Kreis bewegt wie ein Uhrzeiger, der rückwärts läuft, die Zeit zürückdreht. Eine Frau sitzt jeweils am Anfang und Ende des Stückes in melancholischer Pose am Rande des Steges wie eine Trauernde, die in den Fluss des Styx, der Grenze zwischen Lebenden und Toten, blickt. Dazwischen versucht ein Mann, sie zurück ins Leben zu tragen. Sie kauert auf seinen Händen wie ein Kind oder hängt an seinem Rücken wie eine schwere Last. In Ensembleszenen scheint grotesk-ab­gründiges Zeitkolorit auf: Frauen, die sich wie im mittelalterlichen Veitstanz auf dem Boden wälzen. Und Menschen, die mit militärisch-schnittigen Armen eine Schlacht am Reißbrett zu entwerfen scheinen, aber irgendwann nur noch wild mit den Armen zappeln als treibe das Chaos sie in den Wahnsinn.

Nils Christes „Requiem“ begegnet den Abgründen von Goreckis Komposition mit großer choreografischer Sensibilität. Und das stets geschmeidige und doch so strapazierfähige Ballett Hagen tanzt die durchgeistigte Gefühlsintensität mit anrührendem Idealismus. Un­gehemmt Austoben dürfen sie sich am Abend trotzdem noch — Ricardo Fernando ist nun mal kein Typ fürs Sterben in Schönheit. So beendet er das Totengedenken mit einer anar­chischen Kultgemeinschaft, die tänzerisch Rave, Folklore und auch schon mal ganz iro­nisch das Posing von Bodybuildern mixt. Und musikalisch aus Philip Glass und verfremde­ten Interpretationen von Bach und Ravel ein ziemlich bizarres Potpourri kreiert. Durchge­knallte Tanzsequenzen mit wenig Sinn, aber viel Show und so lustvoll präsentiert, dass man den leichtsinnigen End-Enthusiasmus gern duldet. So bleibt Hagen Nordrheinwestfa­lens Euphorie-Ensemble, wo man lieber übermütig liebt als trauert.